Im Osten Nichts Neues: 4 Jahre Ukraineinvasion

5 Tage nachdem das russische Militär im Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert war, prophezeihte die liberale europäische Propaganda ein Scheitern des Angriffs und einen unweigerlichen Sieg der Ukraine. Entgegen dieser vorherrschenden Meinung hatte ich damals einen Artikel verfasst, um die damalige Lage anhand historischer Beispiele zu relativieren. Viele Faktoren, die ich damals nur spekulativ behandeln konnte, sind in 4 Jahren Stellungskrieg zu konkreten Fakten geworden, sodass ich Fragen aus dem damaligen Text jetzt endlich beantworten kann. Bevor wir beginnen, möchte ich noch einmal anmerken, dass mein einziges politisches Interesse an diesem Krieg in der Arbeiter*innenklasse liegt, die dort in Osteuropa für nationales Kapital verheizt wird. Mein einziger Wunsch ist ein Ende der Kämpfe, ungeachtet der „territorialen Integrität“ oder des Fortbestands der jeweiligen Staaten. Die hier verfasste Analyse des Kriegsverlaufs hat für mich also nur historischen Wert, keinen militärischen.

Die aktuelle Lage

Der Ukrainekrieg ist eingefroren. Um einzelne Dörfer wird Tage bis Monate gekämpft, sodass Frontbewegungen auf einer Karte der gesamten Ukraine kaum wahrnehmbar sind. Obwohl minimal, werden diese Geländegewinne jedoch fast ausschließlich von der russischen Armee erzielt. Laut dem Institute For The Study Of War, einem bürgerlichen pro-NATO „Think Tank“, der sich trotzdem zweifelsohne besser als ich mit dem Kriegsverlauf auskennt, handelt es sich dabei um eine kalkulierte Strategie der russischen Armee, ihre materielle Übermacht langfristig auszuspielen. Statt rasanten Geländegewinnen und einem schnellen Sieg geht es also darum, die Ukraine auszubluten, mit Erfolg: Bereits seit dem ersten Kriegsjahr hat das ukrainische Militär „Infanteriemangel“: Entmenschlichte Militärsprache für den Umstand, dass ein signifikanter Teil der für die Armee mobilisierten Bevölkerung bereits tot oder verletzt ist. Diese Lage kann die Ukraine nur durch die schleppende Lieferung hochmoderner westlicher Waffensysteme ausgleichen, mit denen sie russischen Truppen schwere Verluste zufügen und deren Logistik stören können. Sollte die Ukraine diesen Krieg überhaupt überstehen, wird sie für immer an europäische Rüstungsunternehmen verschuldet sein. Die Rückeroberung verlorener Territorien wird ohne das Eingreifen ausländischer Truppen unmöglich sein, so sehr sich Liberale in diesen Wunschtraum verbeißen.

Erkenntnisse

In meinem Artikel vor 4 Jahren habe ich vor allem Fragen gestellt, die sich erst im Verlauf des Krieges beantworten würden. Mittlerweile gibt es auf die meisten von ihnen konkrete Antworten, weshalb es Sinn macht, meine Zitate von damals auf den heutigen Stand zu bringen.

Über die operativen Ziele der russischen Armee kann nur spekuliert werden, doch ein Blick auf die Karte zeigt: Es wurde keine ukrainische Großstadt erobert, die ukrainische Regierung konnte nicht ausgeschaltet werden und es ist momentan unklar, ob die russische Armee es geschafft hat bei Cherson den Dnepr zu überqueren. Egal wie die operativen Ziele der russischen Regierung aussahen, sie haben garantiert noch kein einziges erfüllt.“

Der Rückblick zeigt, dass ich ein Genie bin und hier komplett Recht hatte. Der russische Staat scheint seine eigene Propaganda geglaubt zu haben und von einer „Befreiung“ der Ukraine ausgegangen zu sein, weshalb mit einer ungehinderten, vom ukrainischen Volk bejubelten Fahrt nach Kiev zur Absetzung der dortigen Regierung gerechnet wurde. Mittlerweile ist bekannt, dass die ukrainische Armee in den ersten Kriegstagen ungehinderte Truppenbewegungen rund um die Uhr durchführen und sich so in optimale Verteidigungspositionen bringen konnte, ohne der Gefahr von Luftschlägen ausgesetzt zu sein. Das ist ein komplett unverständlicher Fehler, wenn man sich die Geschichte der modernen Kriegsführung anschaut: Jede erfolgreiche Invasion des 20. Jahrhunderts ging mit sogenannter „Lufthoheit“ einher, bei der die Luftwaffe des Angreifers ungehindert seine Kreise über den Verteidigern ziehen konnte. Dadurch können diese nur kleinere Truppenbewegungen und Versorgung bei Nacht durchführen und werden handlungsunfähig. In der Ukraine war das bis heute keinen einzigen Tag der Fall. Bis auf schwer abfangbare Raketen, Drohnen und Geschosse spielen die Luftwaffen beider Staaten fast keine Rolle in den 4 Jahren Krieg, da beide Seiten funktionierende Luftabwehr und Kontrolle ihres eigenen Luftraums haben. Weil die russische Armee in den ersten Kriegstagen mit einem schnellen, fast kampflosen Sieg rechnete, machte sie sich nie die Mühe, in einem anfänglichen Überraschungsangriff die Zerschlagung der ukrainischen Luftwaffe und -abwehr zu versuchen. So konnte sich das ukrainische Militär in optimale Verteidigungspositionen bringen, schnell auf militärische Entwicklungen reagieren und seine Truppen ungehindert versorgen, während der russische Vormarsch, überrascht von unerwartetem Widerstand, stecken blieb.

Auch wenn Russland in Technik und Material weit überlegen ist, handelt es sich um den ersten Krieg zwischen zwei modernen, mechanisierten Armeen seit dem Zweiten Weltkrieg. […] Zwar sind die Lektionen des Bewegungskrieges aus dem Zweiten Weltkrieg in jeder modernen Armee verankert, doch es ist unabsehbar, welchen Einfluss moderne Lenkwaffen, Drohnen, Informations- und Kommunkationstechnik auf diese alternden Kriegskonzepte haben. Es ist also auch entscheidend für den Kriegsausgang, wie schnell sich beide Seiten auf diese neue Art des Krieges einstellen können.“

Für mich damals noch unabsehbar, hat diese neue, hochtechnisierte Form der Kriegsführung sogar für ein Ende des Bewegungskrieges gesorgt, der das 20. Jahrhundert dominiert hatte. Die berühmten Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs waren beispielsweise keine vorher geplante Strategie, sondern eine Konsequenz der neuen Technik: Die Erfindung des Maschinengewehrs war so tödlich, dass die bis dahin praktizierten Feldschlachten nicht mehr möglich waren. Stattdessen mussten sich die Kriegsparteien spontan schützen, indem sie hunderte Kilometer lange Schützengräben aushoben und nur begrenzte, extrem brutale, blutige Vorstöße wagen konnten, die bis heute ein historisches Trauma darstellen. Die Erfindung von Panzern, welche vor Maschinengewehrfeuer geschützt waren, brachen diese Pattsituation und führten zum extrem dynamischen Bewegungskrieg, den wir im Zweiten Weltkrieg erlebten und der alle Kriege seitdem dominierte. Jetzt haben wir wieder eine ähnliche Situation wie im Ersten Weltkrieg: Die neue Technik, diesmal Lenkwaffen und Drohnen, sind so effektiv und tödlich, dass sich zum Schutz vor ihnen wieder eingegraben werden muss. In den ersten Wochen des Krieges versuchte sich die russische Armee noch am klassischen Bewegungskrieg, während ukrainische Soldaten mit hitzesuchenden Raketen und Drohnen Hetzjagd auf die kilometerlangen Panzerkolonnen machten, die massenhaft in Flammen aufgingen. Die Effektivität dieser Waffen zwang das russische Militär seine hohen Materialverluste durch ein Ende des Bewegungskriegs zu minimieren. Der Trumpf des Panzers scheint gebrochen zu sein und damit kehren die Schützengräben zurück, die er einst überwunden hatte. Ein britischer Soldat, der als freiwilliger in der Ukraine kämpfte, bezeichnete seine Erlebnisse in einem Interview sogar explizit als „Erster Weltkrieg mit Drohnen“.

Ein zweiter Effekt, den diese moderne Technik hat, ist die erhöhte Effektivität einzelner Truppen. Ein Soldat alleine kann 2026 ein längeres Stück Frontlinie kontrollieren als sein Kamerad 1918. Dies führt dazu, dass in der Ukraine heute zehntausende Soldaten an einer Frontlinie stehen, die damals von Millionen hätte gehalten werden müssen. Auch wenn weniger kämpfende Soldaten erstmal wie eine positive Entwicklung klingen könnte, geht damit im Umkehrschluss jedoch einher, dass diese geringere Menge an Truppen trotzdem die selbe Zerstörung anrichten kann, für die es früher einmal Millionen brauchte.

Da sich ein moderner Kriegsverlauf kaum an Landgewinnen und Frontverlauf ablesen lässt, kann man ohne genaue Informationen über die Stärke, Versorgungslage und Moral beider Armeen nur spekulieren. Das Steckenbleiben des russischen Vormarschs könnte ein Zeichen für ein Scheitern des russischen Angriffs sein, es könnte jedoch genau so gut durch ein verzweifeltes verheizen ukrainischer Reserven bedingt sein, die jeden Moment kollabieren könnten.“

Diese Aussage bleibt weiterhin aktuell. Zwar bewegt sich schon seit Monaten die Front so gut wie gar nicht mehr, doch das heißt nicht, dass sich die Lage nicht auch plötzlich schlagartig ändern könnte. Man kann sich vorstellen, dass zwei Armeen im Stellungskrieg so etwas wie Druck aufeinander ausüben: Auch wenn die Frontlinie zu halten scheint, können Verschlechterungen der politischen Situation, Wirtschaft, Logistik, Moral oder Reserven sich still anstauen. Wie ein Ballon, der unter immer mehr Druck zwar erst härter wird aber irgendwann platzt, kann das zu einem plötzlichen unerwarteten Kollaps einer Armee führen, wie es beispielsweise mit der deutschen Armee 1918 oder der südvietnamesischen 1975 passiert ist. Damit will ich sagen, dass sich aus der aktuellen Leistung beider Armeen nicht zwingend eine Vorhersage für ihre zukünftige Situation ableiten lässt. Um dies realistisch einschätzen zu können, bräuchte es Informationen, die für beide Seiten höchste Staatsgeheimnisse sein werden. Deshalb möchte ich auch diesen Artikel mit der selben vagen Vorhersage wie vor 4 Jahren beenden, mit der ich bequemerweise nicht falsch liegen kann:

Der Krieg könnte noch Jahre gehen, er könnte auch morgen schon vorbei sein.“