Die revolutionäre Aufgabe ist überraschend simpel: Wir müssen durch Bildung unter uns Arbeiter*innen ein Klassenbewusstsein schaffen, und durch Organisierung dieses Bewusstsein in den aktiven Klassenkampf lenken. Die kapitalistischen Mittel, diese politische Arbeit zu unterbinden, sind Propaganda und Vereinsamung, die uns spalten sollen und verzweifeln lassen. Beides zu überwinden erfordert, noch mehr als Ressourcen und Waffen, die radikale, liebevolle Auseinandersetzung mit unseren Mitmenschen und uns selbst. Dieser Tage herrschen Angst und Misstrauen, doch wer vor ihnen kapituliert, kann sich niemals Revolutionär*in schimpfen. Heute möchte ich also einige konkrete, praktische Übungen vorschlagen, die auf primitivste Weise Wirkung entfalten sollen, in unserer politischen Arbeit freier und mutiger zu werden. Ihr könnt jede einzelne von ihnen heute noch ausprobieren und davon profitieren, egal ob ihr schon lange organisiert seid oder noch zögernd in der individualistischen Isolation lebt. Die Wenigsten von uns werden bereits alle individualistischen Reflexe aus unserer kapitalistischen Erziehung überwunden haben, die es radikal abzugewöhnen gilt.
Fremde sind Freunde
Im aktuellen gesellschaftlichen Klima verstehen wir nur unseren engsten Vertrautenkreis aus Freund*innen und Familie als Mitstreitende für unser gemeinsames Überleben. Wir misstrauen Fremden und haben soziale Ängste. Selbst eine einfach Begrüßung fällt uns manchmal schwer, wenn uns die zwischenmenschliche Beziehung unklar erscheint. So zersplittert sind wir Unterdrückung und Ausbeutung hilflos ausgeliefert. Wir können unsere Strukturen kaum erweitern, keine neuen Genoss*innen kennenlernen oder notwendige Konflikte nicht aushalten. Versuchen wir ohne eine starke Community der Reaktion die Stirn zu bieten, werden wir unweigerlich scheitern. Wollen wir siegen, müssen wir uns die selbe Liebe und Fürsorge für scheinbar Fremde antrainieren, wie für unsere Kernfamilie.
Jeden Tag begegnen uns Unbekannte auf der Straße, die doch in den selben Vierteln leben und ähnliche Probleme im kapitalistischen Alltag haben wie wir. Was uns von ihnen trennt ist die Angst, doch Angst ist ein beherrsch- und trainierbares Gefühl. Die Übung ist so einfach wie furchteinflößend: Mache einen Spaziergang, egal wie kurz, und begrüße jede Person, der du dabei begegnest. Die meisten werden wahrscheinlich nicht zurückgrüßen. Ein paar werden dich sogar für verrückt halten. Dass ein Ausbruch aus der Isolation, sogar schon durch einfache Begrüßungen, beängstigend und wahnsinnig erscheint, ist genau die Propaganda der Vereinsamung, unter der wir leiden. Auch wenn deine Mitmenschen es in der betäubenden Zermürbung des kapitalistischen Alltags noch nicht immer spüren können, sähst du eine kleine Saat des Zusammenhalts und gewöhnst dich daran, deine sozialen Ängste zu überwinden. Irgendwann traust du dich vielleicht sogar dir fremde Menschen auf dem Weg zur Arbeit, bei Erledigungen oder Veranstaltungen zu grüßen, einfach so. Es wird bald nicht einmal mehr eine Überwindung für dich sein.
Langeweile aushalten
Wir leben unter ständigem Zeitdruck. Wenn wir nicht gerade lohnarbeiten um zu überleben, müssen wir im viel zu geringen Rest des Tages kaum lösbare Kompromisse zwischen ausreichend Freizeit und Ruhe finden. Dieses omnipräsente Druckgefühl treibt uns an, jede Minute unserer Lebens mit Stimulationen zu füllen, um ein Gefühl der Sinnhaftigkeit unserer Zeit zu bekommen. Wir scrollen auf Social Media im Bus, schauen Videos auf dem Klo oder lassen Fernsehserien laufen beim Einschlafen. Es ist uns bekannt, dass dies unserer Aufmerksamkeitsspanne schadet, doch weniger beachtet sind die Konsequenzen für unsere Gefühle und Gedanken, die keinen Platz mehr haben. Auf Autopilot navigieren wir alle Aspekte unseres Lebens, ohne jemals Zeit für eine Überlegung oder Idee zu haben, sogar in unserer politischen Arbeit. Wir geben jede Entscheidungsfindung an Algorithmen und Trends ab, ohne jemals auf unsere Interessen zu hören, die nur aus der Langeweile hörbar werden können, der wir konsequent entfliehen. Erst wenn wir uns trauen innezuhalten und nichts zu tun, die Unterstimulation zuzulassen, können uns Körper und Geist in Ruhe mitteilen, worauf sie wirklich Lust haben. Die Langeweile, die drängende mentale Suche nach neuen Erfahrungen, ist der beste Ratgeber für persönliche Entfaltung, so sehr sie sich auch nach Zeitverschwendung anfühlt und schwer auszuhalten ist.
Nehme dir an einem freien Tag 5 Minuten Zeit, nichts zu tun. Lege das Handy weg, mache Musik aus, konsumiere keine Medien, meditiere nicht einmal. Setze oder lege dich hin und lasse die Langeweile zu. Vielleicht wirst du erst versuchen dich mit mentalen Spielchen beim Umherschauen im Raum zu beschäftigen, und das ist okay. Deinem überstimulierten Hirn wird das jedoch nicht lange reichen und bald werden die Gedanken auf dich einprasseln, was du jetzt gerade lieber tun würdest, als hier anteilnahmslos zu hocken. Es wird alles diffus und schwer zu greifen sein, und genau diese Phase ist es, die so schwer auszuhalten ist und dich nach schneller, billiger Stimulation sehnen lassen wird. Halte durch! Umso mehr Zeit du dir nimmst, desto präziser werden deine Ideen, was du mit deiner Zeit anfangen könntest. Du wirst an Dinge denken, an die du schon lange nicht mehr gedacht hast, wie Spaziergänge, interessante Filme oder Bücher, die dir einmal empfohlen wurden, Musikalben, die du schon vergessen hattest, Freund*innen mit denen du dich mal wieder treffen möchtest. Irgendwann wird einer dieser Einfälle vielleicht sogar so drängend, dass du nicht anders kannst, als ihn jetzt sofort umzusetzen. Perfekt! Du hast die Langeweile ausgehalten und darauf gehört, was sie dir mitteilen möchte. Pflege sie immer wieder, und du wirst erkennen, wie künstlich die Hektik und der Stress des Kapitalismus sind.
Neugier entdecken
Es ist ein häufig zitierter Witz, dass wir in der Schule keine „notwendigen Dinge“ wie beispielsweise „Steuererklärung machen“ lernen würden. Darin steckt die Wahrheit, dass unser Bildungssystem nicht zur Erziehung mündiger, kritisch denkender Menschen, sondern zur Konditionierung auf Disziplin und Unterwerfung dient. Es ist sehr klar vorgegeben, welche standardisierten Inhalte gelernt werden müssen, statt Neugier und Entfaltung zu fördern. So gewöhnen wir uns daran, niemals selbstbestimmt nach Wissen zu suchen, sondern unsere intellektuellen Interessen an einer Obrigkeit auszurichten. Viele Menschen bemühen sich nach Beendigung ihrer Schullaufbahn nicht mehr um eigenverantwortliches Lernen, z.B. für neue Hobbys. Entweder sie sehen die Notwendigkeit nicht, oder durch die kindliche Konditionierung ist Lernen mit Angst und Druck verbunden. Selbst bei der gelegentlichen Suche nach Antworten auf konkrete Fragen wird auf bequeme, unzuverlässige Rezepte wie Soziale Medien oder Chatbots zurückgegriffen, deren Ergebnisse ohne Überprüfung übernommen werden. Sogar wir Kommunist*innen begehen oft den schlimmen Fehler, pedantisch vorgefertigte Leselisten oder Bildungspostings im Internet abzuarbeiten, statt selbstständig neugierig zu werden. So wird Lernen immer eine lästige Hausaufgabe bleiben, statt eine dauerhafte Gewohnheit zu werden.
Hoffentlich stellst du dir jeden Tag Fragen über die Welt: Wie ist die politische Situation in anderen Ländern? Was war der Hintergrund eines historischen Ereignisses, von dem du heute gehört hast? Welchen Revolutionär hat der Genosse im letzten Plenum zitiert? Wieso kommt der Zug zu spät? Wie funktionieren Elektroautos? Erfahrungsgemäß vergessen wir solche Fragen direkt, nachdem wir sie gestellt haben, obwohl dort unsere Neugier sich gemeldet hat. Es gilt also das Bewusstsein und den Impuls zu entwickeln, ihr sobald wie möglich nachzuforschen. Suche dir für unsere nächste Übung also eine der folgenden klassischen Kinderfragen aus:
Warum ist der Himmel blau? Was ist ein Gewitter? Warum ist die Erde rund? Ist der Mond aus Käse? Wo kommt Wind her?
Der pragmatische Schulansatz zu diesen Fragen wäre, sie genau wie gestellt in eine Suchmaschine einzugeben und dann einen der unzähligen bereits darüber verfassten Artikel zu lesen. Stattdessen ist die Übung, zu deiner ausgewählten Frage stattdessen den Themenbereich zu ermitteln und dich dann über das gesamte Thema statt der konkreten Frage zu informieren. Finde in einer Recherche heraus was Himmel, Gewitter, Erde, Mond oder Wind konkret sind und verstehe sie gut genug, dass du die anfängliche Frage aus deinem eigenen neuen Wissen heraus beantworten kannst. Sobald du diesen Prozess mit einfachen Fragen eingeübt hast, wende ihn das erste Mal für deine alltäglichen Fragen an: Möchtest du die politische Situation in einem Land verstehen, so hoffe nicht auf einen perfekt vorgekauten Artikel dazu, sondern befasse dich mit diesem Land in seiner Ganzheit, bis du die politische Situation verstehst. Recherchiere die Geschichte des Autos, um Elektroautos zu verstehen. Verstehe die Betriebsabläufe von Bahnunternehmen, um Verspätungen nachvollziehen zu können. Indem du Wissen in seinem Kontext statt als isolierte schnelle Antwort kennenlernst, wirst du unweigerlich so viel mehr Lernen als du ursprünglich geplant hattest. Du wirst Zusammenhänge entdecken und noch besser verstehen als die Inhalte jeder Prüfung, die du je in der Schule geschrieben hast. Lernst du das Lernen neu, werden deine Neugier und dein Wissen dich vielleicht sogar zu Entdeckungen lenken, die vor dir niemand gemacht hat.
Wahrheit konfrontieren
Der Kommunismus ist die ewige Suche nach der Wahrheit. Wir versuchen aus Fakten eine Gesellschaftsform abzuleiten, die nicht mehr auf Unterdrückung und Propaganda beruht, sondern den echten, wahrhaftigen Bedürfnissen und dem Überleben aller Menschen. Die Lüge dagegen ist immer Dominanzverhalten. Sie soll Wissen vorenthalten und damit zu Handlungen bewegen, die nicht der Wahrheit entsprechen, genau wie die kapitalistische Gesellschaft funktioniert. Schon unsere Eltern belügen uns mit Drohungen: Einem schreienden Kind im Supermarkt wird gesagt, es werde zurückgelassen, wenn es sich nicht benimmt. Aus Angst vor dieser Konsequenz „korrigiert“ das Kind entgegen seiner wahren Bedürfnisse das Verhalten, obwohl die Drohung eine Lüge war. Mit solchen Erziehungsmaßnahmen, ob „harmlos“ bis offensichtlich missbräuchlich, wird die Lüge mit unserem Lebensbeginn normalisiert. Als Autorität nutzen Eltern ihre überlegene Lebenserfahrung, um das Verhalten und Wissen ihrer Kinder zu manipulieren. Auch als Erwachsene gehen wir in Auseinandersetzungen mit der Lüge vor, um daraus einen Vorteil zu ziehen oder Konsequenzen zu vermeiden. Jede noch so kleine Lüge oder Ausrede, die wir in die Welt setzen, normalisiert dieses Dominanzverhalten, untergräbt Vertrauen in die Gesellschaft und beraubt uns kollektiv der Wahrheit, die dieser Tage ohnehin immer schwerer zu greifen wird. Sind wir die Lüge gewöhnt, so werden wir immer genau die Kombination an Informationen für uns selbst finden, die unser Verhalten vor uns selbst rechtfertigt. Wenn wir als Kommunist*innen aber die Wahrheit finden und nach ihr handeln wollen, müssen wir sie vor allem auch vor uns selbst praktizieren. Es gibt absolut keine Rechtfertigung, jemals zu lügen. Wenn die Lüge keine Option mehr für uns ist, so müssen wir auch unser Verhalten endlich an die Wahrheit, den Kampf für den Kommunismus, anpassen.
Um die Wahrheit zu üben, erinnere dich an deine letzten Tage: Hast du eine Lüge oder Ausrede erzählt? Vielleicht um dich vor einer Verpflichtung zu drücken oder Konsequenzen vor einem Chef oder einer Lehrkraft zu vermeiden? Vielleicht hast du dich nicht wohl gefühlt und unter falschem Vorwand eine Verabredung abgesagt? Suche dir die am wenigsten schwer wiegende Lüge aus deinem Alltag aus, und setze dich mit ihr auseinander: Warum hast du sie erzählt? Welchen Vorteil wolltest du daraus ziehen? Was wäre passiert, wenn du stattdessen die Wahrheit erzählt hättest? Hätte sich die Situation in der du gelogen hast vielleicht vermeiden lassen? Meistens kommen wir in Situationen, in denen wir lügen, indem wir uns entgegen unserer eigenen Bedürfnisse oder der Faktenlage verhalten haben. Sobald du für dich nachträglich Fakten und Verhalten in Einklang gebracht hast, versuche den schwierigsten Schritt: Nimm diese kleine Lüge, mit der du dich auseinandergesetzt hast, und gestehe sie der belogenen Person. Erkläre ihr genau die Überlegungen, die du dir zu der Lüge gemacht hast. Beispielsweise: „Ich war letzte Woche gar nicht krank, ich hatte unsere Verabredung wegen Stress vergessen. Ich habe dich angelogen, weil ich mich dafür geschämt habe.“ Wiederhole diese Übung regelmäßig, mit immer schwerwiegenderen Lügen. Verinnerlichst du diese Übung, wird Lügen irgendwann so unangenehm und unintuitiv, dass ehrliches Verhalten lohnenswert und Unwahrheit überflüssig wird. Lernen wir in der Gegenwart wahrhaftig zu handeln, müssen wir nicht mehr in der Zukunft lügen.
Nachwort
All diese Übungen zielen darauf ab, die eigene Bildung langfristig zu fördern und menschliche Bedürfnisse auszuleben, die im kapitalistischen Alltag verkümmern. Vielleicht sind dir beim Lesen sogar eigene Übungen eingefallen oder Modifikationen, wie du sie in der Gruppe mit deinen Genoss*innen gemeinsam praktizieren könntest. Wir sind auf so viele verschiedenen Weisen indoktriniert, dass diese paar Übungen, die ich mir in meinem eigenen Kämmerlein ausgedacht habe, unmöglich allumfassend sein können. Hoffentlich hat dieser Text mehr als alles andere in dir angeregt, Facetten deines Denkens zu hinterfragen und dir der Notwendigkeit konkreter Handlungen gegen deine eigene kapitalistische Propagandisierung zu überlegen. Dass wir wirkmächtig sind, eigene Ideen entfalten und ausführen können, statt dass uns alles vorgekaut wird, ist genau, was die aktuelle unterdrückerische Gesellschaftsform ins Wanken bringt. Von der Passivität in die Aktivität, von der Defensive in die Offensive zu kommen, ist genau wofür wir kämpfen, und jede*r von uns kann dafür alleine ohne Hilfsmittel einen kleinen Anfang tun. Immer wenn wir Dinge verändern, statt sie hinzunehmen, leben wir schon ein Stück den Kommunismus.