Revolutionäre Männer

Fast 40 Jahre später kämpfen wir Kommunist*innen noch immer darum, uns vom Fall des sowjetischen Realsozialismus zu erholen. Nach seinem scheinbaren Sieg ist der Kapitalismus nun zwar endlich in eine unlösbare Krise geraten, die in den kommenden Jahren die bestehende Gesellschaftsordnung sprengen wird, doch ein neuer Hort der Weltrevolution muss noch erkämpft werden. Wie ein neuer Arbeiterstaat aussehen könnte und welche Lehren wir aus der Vergangenheit ziehen, ist seit der Oktoberrevolution 1917 ein umstrittenes Thema, auf das viele große Denker*innen viele unterschiedliche Antworten hatten. War es die Zentralisierung und Bürokratisierung? Die misslungene Vereinigung der Arbeiter- und Bauernschaft? Die utopischen Linksabweichler? Die marktliberalisierenden Reformen? Es gibt viele Erklärungsansätze und Faktoren, die ich auch in meinem Buch „Leistungsverweigerung!“ thematisiere, doch einen unterkomplex behandelten Aspekt, der mich umtreibt, möchte ich mit diesem Text analysieren: Die primitive Männlichkeit der revolutionären Protagonisten unserer Geschichtsbücher. Die Revolution wird und wurde nie von Einzelpersonen gemacht, doch im Klassenkampf, der unweigerlich das Ab- und Aufbauen von Machtstrukturen beinhaltet, müssen gesellschaftliche Phänomene, wie Patriarchat und Misogynie es sind, zwangsläufig eine Rolle spielen. Noch heute kämpfen wir verbittert gegen das sogenannte „Mackertum“, das uns allen aus unserer Organisierung intimst bekannt ist, sodass es nur Sinn macht, dass dieses Verhalten auch bei unseren Genossen der Vergangenheit existiert haben muss und politische Entwicklungen mitbestimmt haben wird.

Männlichkeit

Stärke, Unabhängigkeit, Dominanz, Disziplin, Entschlossenheit, Kälte, Leistungsfähigkeit. Gesellschaftlich als Mann markiert, bin ich mit diesen nagenden Anforderungen bestens vertraut. An ihrer Erfüllung misst sich der Selbstwert des Mannes, der entweder zum „Alpha“ oder „Incel“ wird. Der männliche Mann steht um 4 Uhr früh auf, macht Kampfsport, liest 5 Bücher pro Tag, isst puren Reis und ungewürztes Fleisch, lebt in selbst erarbeitetem Reichtum und verachtet Frauen, die als reine Sexobjekte nur Ablenkung vom sogenannten „Grindset“ sind. Zwar ideologisch, aber kaum in der persönlichen Tagesgestaltung unterscheidet sich das primitive Bild vom Revolutionär: Unter kompletter Ignoranz der eigenen Bedürfnisse wird unermüdlich für die Revolution geschuftet. Wer ein echter Che Guevara sein will, muss durchnässt und ungewaschen tagelang hungrig im Wald ausharren können. Es kann nur ein Lenin sein, wer schlaflos in Wort und Schrift agitiert und diszipliniert mit eiserner Faust alle Widerstände bricht. Laut sprechen, Raum einnehmen, alles wissen, nie fragen, viel arbeiten, keine Kompromisse, sind die männlichen Verhaltensweisen, die sich in unserer politischen Arbeit niederschlagen.

Trotz permanenter Feminismusdiskurse und unterwürfiger Selbstkritik linker Männer bleibt dieses individualistische Bild des harten Revolutionärs weiterhin ein unangetastetes Ideal, nach dem die Kader heutiger kommunistischer Organisationen streben. Es ist der von mir häufig kritisierte Versuch, durch Disziplin mehr als der Kapitalismus leisten zu wollen. Gäbe es nur genug Lenins, die sich bis zum frühen Schlaganfall für die Revolution totarbeiten, bräuchte es keine revolutionäre Masse mehr, die durch Bildung und Organisierung aus sich selbst heraus die gesellschaftlichen Strukturen von Unterdrückung und Profit zerschmettert. Wären wir nur hart genug, so die Hoffnung, könnten wir die bürgerliche Gesellschaft zerschlagen, ohne ihre zwischenmenschlichen Widersprüche von Propagandisierung und Manipulation auflösen zu müssen. Würden wir nur mit aller Macht und Kompromisslosigkeit vorpreschen, würde die Masse schon von selbst folgen. Leider blendet dieser Ansatz vollkommen aus, dass auch wir Revolutionäre Teil einer unterdrückerischen Gesellschaft sind und damit Unterdrückung verinnerlicht haben. Nur indem wir uns davon befreien, können wir die Massen mobilisieren, und nur in Interaktion mit den Massen werden wir merken, wie unerwartet und neu eine revolutionäre Gesellschaft sein wird. Wahre, demokratische Massenorganisierung braucht Einfühlsamkeit, Zusammenhalt, Augenhöhe, Geduld, sprich das ideologische Gegenteil von Männlichkeit. Sind wir jederzeit unabhängig, dominant und entschlossen, werden wir uns nie korrektiven Einflüssen und Erfahrungen öffnen können.

Dabei ist wichtig nie zu vergessen, dass Männlichkeit eine komplexe, seit tausenden Jahren ausgearbeitete Ideologie ist, die klarer Analyse erfordert und nicht auf „Männer schlecht“ reduziert werden kann. Es ist der zentrale Fehler des liberalen Feminismus, die aktuelle Manifestation der Männlichkeit für schlecht und der Weiblichkeit für gut zu halten, sind doch beide durch das Patriarchat vergiftet. Es macht den Feminismus und damit auch Kommunismus komplett zahnlos, wenn Wut, Kampf und Macht als „männlich“ und damit schlecht essentialisiert werden, während Übergehen der eigenen Bedürfnisse, Aufopferung und sich Kleinmachen als „weiblich“ und damit gut. Die Probleme der Männlichkeit im politischen Kampf wären nicht gelöst, indem man nur alle Männer durch Frauen ersetzt. Wären Frauen in den Positionen von Lenin, Stalin und co. gewesen, hätten sie nicht automatisch alles besser gemacht.

Bereits mehrmals habe ich von linken Frauen das Argument gehört, der Glaube an und Wunsch nach einer bewaffneten Revolution wäre „Mackertum“. Tatsächlich handelt es sich bei gewaltsamer Ausübung von Macht nur um das klarste materialistische Mittel, die bestehenden Verhältnisse zu ändern. Einen Feind zu bekämpfen und Macht über ihn auszuüben ist nicht männlich, sondern eine natürliche Handlung zur Überlebenssicherung. Bleibt die Analyse dort stehen, dass Gewalt und Krieg schlecht seien, weil sie historisch meistens von Männern ausgeführt wurden, so wird im Namen dieses liberalen Feminismus nur der Status Quo gesichert.

Das Problem mit der Männlichkeit in politischer Organisierung liegt vor allem in ihrer Auswirkung auf die Zwischenmenschlichkeit. Statt Menschen zu vereinen und zu binden, vereinzelt und distanziert sie mit Dominanz und Gewalt, einem Gift für revolutionäre Organisierung. Als gesellschaftliches Problem erkannt, müssen wir jedoch vorsichtig sein, dass unsere berechtigte Sorge vor Männlichkeit nicht propagandistisch genutzt wird, uns zu entwaffen oder nach bürgerlicher Verträglichkeit streben zu lassen.

Karl Marx

Unser Vordenker, der den Kommunismus von einem solidarischen Instinkt zur Wissenschaft herausarbeitete, war ein getriebener Akademiker, der nächtelang Kette rauchte, las, schrieb und organisierte. Kaum ein Jahr ging ohne neues Buch aus seiner Feder vorbei und durch häufige Reisen, Umzüge und Briefverkehre war er mit einer Vielzahl historischer Figuren seiner Zeit gut vernetzt. Auch aufgrund finanzieller Probleme lebte er spartanisch und unter aktiver Missachtung seiner eigenen Gesundheit, die unter ungezügeltem Tabak- und Alkoholkonsum litt. Trotzdem schaffte er die ideologische Basis für weite Teile der Arbeiterbewegung seiner Lebzeit und wurde deshalb nicht überraschend 1864 in den Zentralrat der International Workingmen’s Association gewählt, einem europäischen Zusammenschluss sozialistischer Organisationen, Parteien und Gewerkschaften.

In dieser Position verfasste Marx einige zentrale Dokumente und Programme, welche die Richtung der IWA und des Kommunismus insgesamt prägen sollten. Über die nächsten Jahre wurde er zur Schlüsselfigur in einem ideologischen Streit, der das Ende dieser ersten internationalen sozialistischen Organisation bedeuten sollte: Seiner Position nach müsse eine kommunistische Arbeiterpartei die Macht im Staat erkämpfen und anschließend diktatorisch über die Bourgeoisie regieren, während die Gegenfraktion unter dem Anarchisten Mikhail Bakunin für eine Zerschlagung des Staates ohne zentrale Organisierung plädierte. Das Scheitern der Pariser Kommune 1871 verschärfte diesen strategischen Streit, sodass es ein Jahr später zur Spaltung und dem folgenden Niedergang der IWA kam.

Trotz seines großen Verdienst für die kommunistische Theorie war Karl Marx nicht in der Lage, einen zwischenmenschlichen Konflikt, zur ideologischen Grundsatzfrage eskaliert, zu überwinden und eine lebendige Organisation am laufen zu halten. Auch Bakunin, der nur wenige Jahre später starb, verschwendete seine letzten Lebensjahre mit der Verleumdung Marx’. Den ideologischen Konflikt zwischen Anarchismus und Kommunismus, den diese beiden Männer stellvertretend ausfochten, haben wir bis heute nicht gelöst.

Sergei Nechaev

Außerhalb Russlands heute nur wenig bekannt, hatte kaum ein einzelner Mann so viel Einfluss auf das moderne Bild des Revolutionärs wie Sergei Nechaev. Angeblich nur Schwarzbrot essend und auf einem Holzbrett schlafend, organisierte und reiste er in den 1860ern durch ganz Europa und erfuhr Bewunderung nicht zuletzt von beispielsweise Mikhail Bakunin und später Vladimir Lenin oder der Black Panther Party. Komplett im Untergrund lebend, dürfe laut Nechaev der Revolutionär keine eigenen Interessen, keine Bedürfnisse und nicht einmal einen Namen haben. Mit absoluter Disziplin müsse die Revolution von einem abgehärteten verschwörten Kreis („die Gesellschaft“) verfolgt werden, der heimlich die Geschicke der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie lenke. Dafür müsse auch das „Leid des Volkes“ „intensiviert“ werden, um es zur Revolution anzutreiben. Inspiriert vom Nihilismus, der im damaligen Russland nicht nur eine akademische Philosophie, sondern eine politische Ideologie darstellte, müsse die Gesellschaft selbst zerstört werden, um Platz für etwas neues zu schaffen. Das komplette gesellschaftliche Leben dürfe nur noch in Schlaf-, Ess- und Fabrikhallen stattfinden. Wer die Revolution nicht mit Arbeit unterstütze, dürfe weder Schlafen noch Essen.

Seine Ideologie von Disziplin und Gehorsam für die Revolution veranlasste Nechaev dazu, aus einer organisatorischen Streitigkeit über Geld heraus seinen Genossen Ivan Ivanov zu ermorden. Auf der Flucht lebend wurde er misstrauisch und isoliert, bevor er 1872, mit nur 25, in Genf verhaftet und an Russland ausgeliefert wurde. 10 Jahre später starb er in Haft. Trotz seines kurzen Lebens prägte er mit seiner fanatischen Radikalität und Unermüdlichkeit eine neue Generation von Revolutionär*innen, welche ihr eigenes Leben der politischen Aufgabe zu opfern bereit waren. Auf eine kommunistische Bewegung, die bisher primär illegale Zeitungen veröffentlicht und Kongresse organisiert hatte, wirkte dieser Tatendrang beeindruckend und erstrebenswert. Keinen Platz in Nechaevs Ideologie hatte jedoch Organisierung und Auseinandersetzung mit Mitmenschen. Nur konspirativ arbeitend und isoliert, war sein politisches Wirken bestimmt von Streit, Intrige und Gewalt. Seine Härte machte ihn unerreichbar.

Vladimir Lenin

Die kommunistische Partei Russlands, die Bolschewiki, begann als Kreis sozialistischer Zeitungsredakteure im Exil, die Lenin um sich scharte. Als populärer Propagandist und prominente Figur in der russischen Sozialdemokratischen Partei konnte er 1903 eine kommunistische Fraktion abspalten, die später als führende Partei Russlands hervorgehen sollte. Als 1917 der 1. Weltkrieg die russische Monarchie in den Untergang führte, waren die bis dahin irrelevanten Bolschewiki zur Stelle, die liberale, nationale Revolution zu radikalisieren und wenige Monate später in der Oktoberrevolution die Regierungsmacht an sich zu reißen. Mit dem immer noch tobenden Weltkrieg gegen Deutschland und einem internen Bürgerkrieg vor fast unlösbare Probleme gestellt, erstickten die Bolschewiki unter Lenin das politische Leben der neuen Sowjetunion mit diktatorischer Gewalt und mussten für das Überleben des Arbeiterstaates viele schmerzhafte Kompromisse eingehen. Unpopuläre, wenn auch vielleicht notwendige Entscheidungen, wie etwa der Frieden mit Deutschland 1918, wurden von Lenin und Genoss*innen jedoch stets mit der Flucht nach vorn verteidigt: Statt Eingeständnissen und Erklärungen zu den schwierigen Maßnahmen, wurden Kritiker*innen stets als „Linksabweichler“ diffamiert und unterdrückt. Auch offensichtliche Fehler, wie das Ausbleiben einer Landkollektivierung wurden nicht korrigiert, sondern nachträglich ideologisch verklärt und Widerspruch als Verrat an der Revolution angegriffen. In die Ecke gedrängt und mit fast untragbarer Verantwortung auf den Schultern, war Lenin unfähig, sich in gesellschaftliche Probleme, die nicht mit direkter, gewaltsamer Machtsicherung zu tun hatten, einzufühlen. Der disziplinierte Kampf gegen die vielen Feinde des jungen Arbeiterstaats überlagerte jedes Bewusstsein für Kommunikation und Bildung. Wer sich nicht unhinterfragt den Notwendigkeiten des Krieges unterordnete, war ein Feind. Zweifel und Sorge wurden mit Dominanz und Entschlossenheit glatt gebügelt, statt mit Verständnis und Augenhöhe aufgefangen.

Durch mehrere Schlaganfälle kommunikationsunfähig, konnte Lenin schon früh nicht mehr auf die Umwälzungen in der Sowjetunion einwirken. Obwohl er zur richtigen Zeit am richtigen Ort versuchte das Richtige zu tun, hat der Stress seinen Tod mit nur 53 sicherlich begünstigt. Sein Vermächtnis wird für immer bleiben, dass er erfolgreich die Möglichkeit einer proletarischen Revolution auch aus ungünstigen Bedingungen heraus demonstriert hat, doch auch als kompromissloser, harter Mann hat er seinen Stempel auf die Geschichte gedrückt, obwohl die Revolution doch das Ende der Härte und Kälte bedeuten sollte.

Josef Stalin

Von Paranoia und Hass auf seinen ideologischen Kontrahenten Trotzky besessen, veranlasste Stalin ab 1937 den größten Massenmord an Kommunist*innen der Geschichte. Viele deutsche Revolutionäre, welche in der Sowjetunion Schutz vor dem deutschen Faschismus gesucht hatten, fielen den grundlosen Massenverhaftungen und -exekutionen zum Opfer. Seinen Ursprung hatte diese Gewaltorgie 20 Jahre früher in der Problemlage, dass sich die kommunistische Revolution zwar in Ost-, jedoch nicht in Mitteleuropa durchgesetzt hatte, sodass die Sowjetunion wirtschaftlich und militärisch isoliert kämpfte. Mit der ständigen Gefahr eines Angriffs durch beispielsweise Deutschland oder Großbritannien konfrontiert, musste sich die Regierung unter den Bolschewiki entscheiden, wie denn jetzt der Weg zum Weltkommunismus zu bewerkstelligen wäre. In diesem Konflikt setzte sich Stalin mit seiner Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ durch, dem Glauben, dass die Verwirklichung des Kommunismus in einem einzigen Land stattfinden könne. Der Lauf der Geschichte hat uns nun gezeigt, wie dieser Plan an wirtschaftlicher Isolation und Kaltem Krieg gescheitert ist, doch in den 1920ern mag er plausibel gewirkt haben.

Sowohl intern als auch von außen erfuhr die kommunistische Partei der Sowjetunion starke Kritik für diesen Kurs. Der ungelöste Konflikt führte schließlich zur Abspaltung einer „linken Opposition“, die den Internationalismus der Revolution betonte, im Machtkampf jedoch unterlag. In der Tradition der leninschen Parteidisziplin wurde die internationalistische Position schließlich unterdrückt, sodass ihre führenden Vertreter wie etwa Leon Trotzky ins Exil gehen mussten. Trotz seines Sieges in diesem Streit war Stalin von dem starken Gegenwind aus der eigenen Partei erschüttert und überzeugt von einer geheimen Verschwörung gegen ihn, die Millionen Genoss*innen umfasse. In den 1930ern fielen seiner Paranoia beinahe alle Kommunist*innen zum Opfer, die jemals eine Meinungsverschiedenheit mit ihm gehabt hatten. Unfähig zu Kompromiss und Verständnis, wurde der Mord zu seinem Konfliktlösungsmittel der Wahl.

Leon Trotzky

Lange Zeit im öffentlichen Auge der zweite Mann hinter Lenin gewesen, zeichnete sich Trotzky im russischen Bürgerkrieg durch seine Härte und Kompromisslosigkeit aus. Immer wieder war er zur Stelle, sowohl ideologisch als auch militärisch jeden Dissens gegen die Bolschewiki zu zerschlagen. Traf diese Gewalt zwar meistens bürgerliche Klassenfeinde, so wurde sie doch nuancenlos ebenso gegen proletarische Proteste eingesetzt, die sich nicht der kommunistischen Partei unterordneten. Nach dem Machtvakuum, das Lenins überraschender Tod 1924 hinterlies, geriet Trotzky im Richtungsstreit in direkte Feindschaft zu Stalin.

Als Alternative für den „Sozialismus in einem Land“ plädierte Trotzky für die „Permanente Revolution“, eine komplexe Theorie über die verschiedenen Etappen einer Weltrevolution, die sich nur schwer zusammenfassen lässt. Dennoch war die darin enthaltene Kritik an Stalins Position sehr klar und offensiv. Nicht nur kritisierte Trotzky den Kurs der Sowjetunion, sondern warf seinen Kontrahenten immer wieder Revision und Verrat vor, was ihm den Ruf eines „Spalters“ einbrachte. Im Machtkampf gegen Stalin unterlegen, fokussierte sich seine politische Praxis aus dem Exil heraus ab da primär auf die grundsätzliche Diskreditierung der Sowjetunion, statt Kritik konkreter Maßnahmen. Er verschrieb sich ganz dem „Antistalinismus“, der jede Solidarität und Verständnis mit den realpolitischen Herausforderungen des sowjetischen Arbeiterstaates auschloss, der ums Überleben gegen Feinde von allen Seiten kämpfte. Vom Ausrichtungskonflikt zum Kampf um Leben und Tod eskaliert, endete der Streit 1940 mit Trotzkys Ermordung in Mexiko durch einen sowjetischen Agenten.

Huey P. Newton

Ein Bewunderer von Nechaev und Lenin, gründete Huey P. Newton in den USA mit Genoss*innen die marxistische Black Panther Party For Self-Defence, anfänglich eine Organisation zur Konfrontation der Polizei. Den Zeitgeist 1966 korrekt erfassend und konkrete Maßnahmen ergreifend, wurde die Black Panther Party innerhalb weniger Jahre eine lebhafte Organisation fest verankert in der Schwarzen Community der USA. Mit selbstorganisierten Communityprogrammen wie Gemeinschaftsküchen, Kliniken und Schulen erfüllten sie konkrete Bedürfnisse und animierten die Menschen, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu tragen.

Bereits kurz nach der Gründung zeichnete sich ein ideologischer Streit ab zwischen einem Flügel, der Communityarbeit und Aufbau betonte, vertreten von Huey P. Newton, während eine radikale Fraktion unter Eldridge Cleaver auf bewaffnete Konfrontation mit dem Staat stürmte und drängte. Dieser strategische Ausrichtungskonflikt, in dem beide Seiten plausible Vorstellungen hatten, führte leider erwartbar zur Spaltung der Black Panther Party. Von der staatlichen Repression geschwächt und ideologisch in der Krise, kam es zu teils bewaffneten Machtkämpfen und Morden zwischen den beiden Fraktionen, einer Eskalation, die Huey P. Newton nicht zu stoppen versuchte.

In der Stagnation fallender Mitgliedszahlen transformierte sich die Black Panther Party in den 70ern langsam zu einer losen Gang, die auf Befehl Huey P. Newtons immer wieder Morde an für ihn unbequemen Personen beging, auch über politische Konflikte hinaus. Er veruntreute Geld der Partei um seine Kokainsucht zu finanzieren. Immer wieder verübte er Gewalt an Frauen, darunter auch der Vorwurf von zwei Femiziden. Nach der Auflösung der Black Panther Party 1982 lebte er mit ständigen juristischen Problemen in der Irrelevanz, bis er 1989 im Drogenmillieu ermordet wurde.

Beef

Die Geschichte revolutionärer Männer ist eine Geschichte von Beefs. Zwei verfeindtete Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber, statt gemeinsam die Mittel des dialektischen Materialismus für eine Lösung anzuwenden. Stehen sich mit gleichen ideologischen Zielen zwei unvereinbare Positionen gegenüber, die beide von Tausenden Genoss*innen vertreten werden, dann spricht das nicht zwangsläufig für Verrat und Revision, sondern vor allem für einen ungelösten kapitalistischen Widerspruch, der gemeinsam bearbeitet werden müsste. Stattdessen führt das männliche Konfliktpotential immer wieder dazu, die gegensätzliche Position mit Stärke, Unabhängigkeit, Dominanz, Disziplin, Entschlossenheit und Kälte zu bekämpfen. Wenn das unser Streitverhalten bleibt, wird es niemals eine wahre Massenorganisation geben können. So sehr all diese Männer zweifelsohne große Dienste für die Geschichte der Revolution geleistet haben und ideologisch standfest waren, zeigten sie sich doch immer wieder unfähig, eine neue, revolutionäre Zwischenmenschlichkeit zu leben. In ihren Machtpositionen war es unmöglich, ihre männlich-dominanten Beißreflexe zu kritisieren, ohne auf ihrer Abschussliste zu landen.

Sie haben alle ihr Bestes getan und ihre Lektionen sind wertvoll, doch stellt sich bei mir in Tagträumen oft die Frage, wie ein sanfterer, verständnisvollerer Umgang sich ausgewirkt hätte. Hätten Marx und Bakunin gemeinsam eine Diktatur des Proletariats ausarbeiten können, die ohne Zentralgewalt auskommt? Hätten Stalin und Trotzky gemeinsam einen Kompromiss finden können, der die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Stärke der Sowjetunion entwickelt, ohne sich in die nationale Isolation zurückzuziehen? Hätten Huey P. Newton und Eldridge Cleaver gemeinsam das US-Regime im offenen Kampf destabilisieren können, während sie gleichzeitig ihre eigene Community ermächtigen und schützen? All diese Fragen sind nur durch Untersuchung der Problemlagen und daraus resultierenden Lösungsansätzen zu beantworten, nicht aus Dominanz und Kampf.

https://wikirouge.net/texts/en/The_Alliance_of_Socialist_Democracy_and_the_International_Working_Men%27s_Association._Report_and_Documents_Published_by_Decision_of_the_Hague_Congress_of_the_International/08/VIII._The_Alliance_in_Russia
https://www.marxists.org/subject/anarchism/nechayev/catechism.htm
https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/index.htm